Kultur Wochenbett Kerstin Lüking
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Das vorgegaukelte Wochenbett

Das Wochenbett ist so eine Sache. Wir hören von allen Seiten, dass wir es ernst nehmen sollen und uns schonen müssen. Aber in der Wirklichkeit schonen wir uns meistens gar nicht. Warum? Haben wir in diesem Punkt eine schlechte Wochenbettkultur?

Im Rahmen unserer Kulturwochen haben wir Kerstin Lüking dazu befragt. Sie ist selbst Mutter von sieben Kindern und hat als Hebamme schon über 2500 Frauen bei der Geburt und im Wochenbett begleitet. Nebenbei hat sie die wunderbare Wochenbettbox kreiert, um Müttern in der schwierigen Zeit nach der Entbindung die besten Produkte und Helferlein zur Seite zu stellen. Wir haben sie gefragt, wie es derzeit um unsere Wochenbettkultur steht.

Liebe Kerstin, gibt es in Deutschland eine Wochenbettkultur? Oder brauchen wir noch eine? Was muss sich verbessern? Was können wir von anderen Ländern/Kulturen lernen? Was trägst du aktiv zur Verbesserung unserer Kultur bei?

“Nein, wir haben keine Kultur mehr in Deutschland, was sehr schade ist und sich dringend wieder ändern muss. Ich finde, wir müssen dem Wochenbett mehr Aufmerksamkeit schenken, da es sehr wichtig für den Gesundungsprozess der Mutter ist. Alle bereiten sich bis ins Kleinste auf die Schwangerschaft und Geburt vor und das, was danach kommt, fällt hinten über!!

Bei mir steht die Frau im Fokus: Geht es der Mutter gut, funktioniert auch der ganze Rest!

Leider setzen sich die Frauen alle sehr unter Druck. Alle wollen wieder schnell schlank sein und nach außen hin suggerieren, dass man wieder funktioniert. Die Wohnung ist blitzblank und nett dekoriert. Man darf keine Makel sehen. Gerade die sozialen Netzwerke sind in dieser Hinsicht besonders schrecklich, da man sich hier eine „Wochenbett-Welt“ vorgaukelt, die es eigentlich so nicht gibt, bzw. nicht geben sollte.

Eine Frau, die gerade geboren hat, gehört für mich ins Bett und sollte gepflegt und verwöhnt werden. In vielen anderen Kulturen werden diese Rituale sehr gepflegt und strikt eingehalten. Ob es nun sinnvoll ist, eine Mutter 40 Tage nach der Geburt nicht an die frische Luft zu lassen, sei mal dahingestellt, aber wenigstens kümmert man sich um sie. Sie wird bekocht, man nimmt ihr das Kind ab, man macht ihr Bauchmassagen, man lässt sie schlafen ….

Bei einem meiner letzten Wochenbettbesuche fragte mich ein Vater ernsthaft, ob den seine Frau jetzt mal wieder die Wäschekörbe in den Keller tragen könnte. Das Wochenbett wäre ja jetzt schließlich vorbei!!

Das zeigt doch ganz deutlich, dass es noch sehr viel zu tun gibt. Mit meiner Arbeit hoffe ich, dass ich einen großen Anteil zur Verbesserung dieser nicht mehr vorhandenen Kultur beitragen kann.”

Vielen Dank!

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